«Facebook darf man ja nicht unterschätzen»

Was braucht es, um als Medienunternehmen digital erfolgreich zu sein? Welche STANDARDS gelten ONLINE? Die deutsche Social-Media-Journalistin Amelie Marie Weber klärt auf.

Veröffentlicht in: Weltwoche Magazin (November / Dezember 2021)

Bild: zVg.

Amelie Marie Weber gehört zu den talentiertesten Journalistinnen Deutschlands. In Kaiserslautern aufgewachsen, begann die Pfälzerin gleich nach ihrem Studium (Medien und Kommunikation) ein Volontariat bei Focus online. Die dreimonatige Erfahrung in der New Yorker Auslandredaktion nennt sie ihr «Highlight» – bis dato. Denn bald klopfte die Funke-Mediengruppe an, die Stelle «Head Social Media» lockte. Inzwischen führt die 26-Jährige dort unter anderem einen Tiktok-Account, der als einer der reichweitenstärksten Polit-Newskanäle gilt. In einem Berliner Café knipst Weber ein Foto für Instagram, bevor sie über ihr digitales Leben zu sprechen beginnt.

Frau Weber, Sie sind Social-Media-Expertin bei Funke, einem der grössten Medienhäuser Deutschlands. Was braucht ein solches Unternehmen, um heute digital erfolgreich zu sein?

AMELIE MARIE WEBER: Ausreichend Ressourcen. Viele unterschätzen, wie zeitintensiv Social-Media-Arbeit ist. Oft führen Praktikanten die Kanäle nebenher, das kann nicht gutgehen. Es müssen junge Menschen in die Verantwortung! Sie beherrschen das oft besser, alleine schon, weil sie damit gross geworden sind.

Wo orten Sie die grössten strategischen Fehler?

Viele versuchen, Inhalte eins zu eins auf Social Media zu übertragen. Da ist aber eine ganz andere Zielgruppe: Man muss die Geschichten extra aufbereiten.

Inwiefern unterscheidet sich die Erzählform?

Man muss sich überlegen: Von wo kommt die Zielgruppe, die man erreichen will, wo sind die Menschen, wenn sie sich die Geschichte auf ihrem Smartphone anschauen, und wie schaffe ich es, sie zu fesseln? Es geht darum, etwas auf Augenhöhe zu erzählen und auf die Bedürfnisse einzugehen.

Welche Fehler beobachten Sie dabei am häufigsten?

Vieles ist zu lang, wir haben ein Problem damit, uns kurzzufassen. Social Media will kurze, prägnante Storys, die Aufmerksamkeitsspanne ist geringer. Und die Geschichten müssen optisch überzeugen, in Bewegtbild, mit Ton.

Wie lautet Ihr Rezept, um als Verlag heute online Geld zu verdienen?

Es gibt verschiedene Modelle: Vom Nischenprodukt bis zur Exklusivität kann alles ein Grund sein, um dafür zu bezahlen. Man muss sich aber überlegen, ob Social Media das geeignete Mittel sind, um Geld zu verdienen. Ich denke, es geht vielmehr darum, die Marke zu stärken, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Wären junge Menschen, die digital fast alles gratis haben, heute überhaupt noch bereit, für Journalismus Geld auszugeben?

Noch viel zu wenig, aber meine Hoffnung ist da – Junge schliessen ja auch Netflix- und Spotify-Abos ab. Wir sehen auch ein grosses Wachstum in unseren Digitalprodukten: Funke investiert in die digitale Zukunft des Journalismus, und ich denke, das wird Früchte tragen. Unser Ziel muss es sein, den Wert von Journalismus wieder aufzuzeigen. Aber wenn ich das Geheimrezept dafür hätte, wäre ich deutlich unterbezahlt. (Lacht)

Welche Plattform finden Sie am interessantesten?

Tiktok, da kann man unglaublich schnell wachsen. Instagram und Facebook sind gesättigt: Mehr als die Hälfte der Tiktok-User haben kein Facebook und ein Drittel kein Insta mehr. Wenn also Politiker die Jugend bei Instagram erreichen wollen, sage ich: «Das ist okay, aber die ganz Jungen sind bei Tiktok.» Und dort gilt eine völlig neue Erzählweise – mit Kurzvideos und schnellen Schnitten. Wer Tiktok beherrschen will, stellt sich einer Herausforderung. Aber es lohnt sich. Diese Plattform, sie boomt!

Ist Facebook, mit seinen fast drei Milliarden monatlichen Nutzern, wirklich so tot, wie es in den Medien heisst?

Definitiv nicht! Bei Facebook kriegt man die Boomer, die Generation, zu der unsere Eltern gehören, die immerhin grösste Wählergruppe. Facebook darf man ja nicht unterschätzen.

Warum ist Facebook bei Alten in, bei Jungen out?

Es gibt zu viele Funktionen, ein Overload an Videos, Gruppen und so weiter. Und dann der Umgangston: Ich bekomme Verschwörungsmythen zugespielt, irgendwelche Meinungsmache. Instagram ist freundlicher, ästhetischer, übersichtlicher – auch wenn sie es mit den Möglichkeiten langsam übertreiben. Tiktok hat nur Kurzvideos, keine Texte, keine Bilder. Das kommt an und bewegt!

Was ist das falscheste Klischee von der Social-Media-Welt?

Dass es «nur» Social Media sind. Fakt ist, wir verbringen da so viel Zeit, es ist ein Teil unseres Lebens, unserer Lebensrealität.

Im wirklich echten Leben, wie informieren Sie sich?

Auf Nachrichtenseiten. Aber vieles bekomme ich tatsächlich durch Social Media mit.

Sehen Sie eine Zukunft für Printmedien?

Ich lese fast alles online. Aber Print wird bestehen, nur eben für Liebhaber. Man sagt dann: «Ich setze mich jetzt bewusst hin und lese meine Weltwoche

Was lesen Sie beim Friseur?

Klatschzeitschriften, und das liebe ich!

Sie haben die Meinungsmache angesprochen: Wohin führt die Politisierung von Social Media?

Ich begrüsse es, dass Politik eine immer grössere Rolle spielt. Diese Politikverdrossenheit, die Jungen attestiert wird, hat nachgelassen. Schwierig finde ich den Ton: Das Internet hat sich stark polarisiert. Dieses anonyme Frustablassen macht mir Sorge. Das sollte man nicht unterschätzen und auch nicht einfach löschen, sondern das Gespräch suchen.

Was sollte man löschen? Was nicht?

Alles, was strafrechtlich nicht in Ordnung ist, gehört angezeigt und gelöscht. Das Gleiche gilt für Falschbehauptungen.

Wie finden Sie, dass Twitter Donald Trump sperrt, während etwa die Taliban unbehelligt ihren Bullshit verbreiten können?

Das finde ich falsch! Bei Trump hätte man bei den Hinweisen bleiben sollen, dass es zu seinen Aussagen Gegenmeinungen gibt. Dass Privatunternehmen entscheiden, wer reden darf und wer nicht, sehe ich kritisch.

Können Sie etwas Positives über Influencer sagen?

Ja, klar: Das sind Leute, die wissen, wie man junge Menschen erreicht. Die haben das mit der Zielgruppe verstanden, wie es funktioniert. Medienhäuser könnten sich eine Scheibe davon abschneiden.

Wie wichtig ist Schönheit auf Social Media?

Entweder man ist attraktiv, oder man hat richtig krasse Themen und ist ein krasser Typ.

Glauben Sie, Frauen können online leichter Erfolg haben als Männer?

Nicht generell. Sie haben es vielleicht einfacher, sich eine Reichweite aufzubauen. Aber sie bekommen auch viel mehr Hass und Häme ab, und das ist unschön.

Warum ist das so?

Leider werden Frauen in der Öffentlichkeit nach wie vor weniger ernst genommen. Gerade bei attraktiven Frauen glauben viele, dass diese nicht mehr können, als hübsch auszusehen.

Was ist wichtiger für Social Media: Schönheit oder Intelligenz?

Intelligenz. Wer nur schön ist, hat zu viel Konkurrenz. Auf Instagram gibt es viel zu viele schöne Menschen. Das heisst, man muss wissen, wie diese Welt funktioniert. Viele denken ja, man müsse einfach schön sein, ein Bild ins Internet stellen, und dann läuft’s. Aber da steckt viel Arbeit dahinter. Top-Influencer arbeiten Tag und Nacht.

Was raten Sie jungen Frauen, um digital erfolgreich zu sein?

Ganz genau zu überlegen, was man postet. Definitiv nicht aus Emotionen heraus, das würde ich auch Männern nicht empfehlen. Man sollte sich bewusst sein, was man mit einem Bild auslöst und ob man damit auch wirklich dieses Resultat auslösen will. Wer provozieren will, sollte sich dessen vorher bewusst sein.

Können Sie das ausführen?

Ich bin jetzt niemand, der sagt, man sollte keine Bikinibilder posten. Aber wenn man es macht, sollte man mit den Konsequenzen leben können.

Überspitzt: Wer wegen so eines Bildes belästigt oder angefeindet wird, ist selber schuld?

Nein, wer anfeindet, trägt immer die Schuld. Man muss sich einfach bewusst sein, dass sich andere Menschen durch die Art und Weise, wie man sich gibt, provoziert fühlen. Leider auch zu Taten, die absolut nicht in Ordnung sind.

Was ist die interessanteste Online-Entwicklung, die Sie derzeit beobachten?

Vielleicht, dass ich alles mit dem Smart- phone machen kann: Es ist mein Navi, mein Essensplan, mein Gerät, mit dem ich meine Eltern per Facetime anrufe. Früher musste ich für jede SMS bezahlen. Wahnsinn!

Gibt es eine virtuelle Gruselwelt, vor der Sie sich fürchten?

Ja, völlige Transparenz. Auch wenn ich einiges von mir preisgebe, ist es mir wichtig, dass vieles auch privat bleibt.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die kein Smartphone haben?

Ja, sogar Bewunderung und Respekt. Aber ich weiss, dass sich diesen Luxus nur sehr wenige Menschen leisten können.

Glauben Sie, es gibt ein analoges Grundbedürfnis des Menschen?

Ja, klar. Zahlen zeigen ja, dass dieses Rund-um-die-Uhr-online-Sein krank macht. Analoge Pausen sind wichtig. Ich mache das bewusst. Im Urlaub heisst es: Handy aus.

Lassen Sie es zu Hause?

Ja. Oder es landet ausgeschaltet im Tresor, sobald ich im Hotel bin. Damit ich die Anreise noch hinkriege – es sind ja sogar die Tickets auf dem Smartphone.

Sind wir so weit, das Smartphone zum Grundbedarf zu ernennen?

Das könnte ich nachvollziehen, gerade während Corona: Ich meine, wie viel mühsamer muss es für Leute sein, die kein Smartphone haben? Man kann kaum mehr ohne.

Müsste dann nicht auch das Internet auf die Stufe der Grundrechte gehoben werden?

Ja, doch! Wer heute keinen Netzzugang hat, ist klar benachteiligt.

Ab welchem Alter dürfen dann Ihre Kinder ihr erstes Handy haben?

Schwer zu sagen, weil ich noch nicht weiss, wann ich Kinder kriegen werde. Wenn aber die ganze Klasse ein Smartphone hat, würde ich mir überlegen, ob sie nicht auch eines haben können.

In der ersten Klasse?

Nein, nein. Heute würde ich versuchen, die Grundschule handyfrei zu belassen. Oder zumindest kein Smartphone erlauben. Ein Notfallhandy genügte da wohl noch.

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